Ansprache am 16. November 2014 zum Volkstrauertag von Karin Kohler, Mitglied des Bürgervereins Neckarweihingen e.V.

Sie waren Menschen wie wir.
Aber wenn wir in der Stille
an den Kreuzen stehen,
vernehmen wir ihre Stimmen:
Sorgt ihr, die ihr im Leben steht,
dass Friede bleibe,
Friede den Menschen,
Friede den Völkern.

 

Diese Worte sprach 1952 der damalige Bundespräsident Theodor Heuss bei der Eröffnung eines Soldatenfriedhofes. 1952 war auch das Jahr, in dem die erste Feier des Volkstrauertages im Bundestag der jungen BRD abgehalten wurde.


38 Jahre zuvor klang es ganz anders:
„Russ', Franzos' und Englischman, habt ihr Mut, so kommt heran“, oder: „Der Kaiser rief und alle kamen. Hurra! Hurra! Hurra!“ 

Meldeten sich die Männer freiwillig zu den Waffen? Am Anfang gewiss – doch die Mehrzahl musste per Befehl einrücken. Eine fein ausgeklügelte Propaganda wollte dem Volk weismachen, dass der nur ein guter Deutscher sein könne, der ein Soldat sein wolle. Im Herbst sei der Krieg siegreich zu Ende, hatte Kaiser Wilhelm versprochen. Und bis Weihnachten wären sie alle wieder zuhause.

Der Oberbefehlshaber des Heeres, somit auch der württembergischen Truppen, war der deutsche Kaiser. König Wilhelm II. von Württemberg hielt Preußen die Treue, stand dem Kaiser aber distanziert gegenüber. Die Monarchen waren zu verschieden. Hier der bürgernahe König, dort der schneidige Kaiser. Ob das die Bewohner von Neckarweihingen interessierte? Berlin war weit weg.

 

Privatfoto von Karin Kohler   Die Bauern im Land waren verärgert, als sie einberufen wurden, obwohl die Ernte noch nicht eingefahren war. Die hohen Herrschaften hätten ein wenig mit dem Krieg warten sollen. Schon am 2. August 1914 mussten 64 Neckarweihinger einrücken. – Aber Weihnachten würden sie ja wieder daheim sein.

Das alte Jahr ging zu Ende und im Januar 1915 war die Zahl der Soldaten des Ortes auf 149 angewachsen und die ersten Toten wurden beklagt.

An der Front gab es anfangs große Erfolge: Am 22. April 1915 fielen Tausende Soldaten einem deutschen Chlorgaseinsatz zum Opfer. Dieses Datum wird heute als Geburtsstunde moderner Massenvernichtungswaffen und eigentlicher Beginn des Gaskrieges angesehen, mit dem das Bild des „ritterlichen Kampfes“ zu Ende war. Der Erfolg währte nicht lange, die Franzosen konnten auch bald Gas einsetzen. Über die Spätfolgen dieses gefährlichen Kampfstoffes war man sich damals nicht im Klaren.

„Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer“, sagte der Schriftsteller Martin Kessel (1901-1990).

 

In der Heimat ging am 3. September 1915 ein heftiges Gewitter mit Hagelschlag über die gesamte Markung von Neckarweihingen. Weinstöcke und Tabakstauden wurden erheblich beschädigt. Beim Tabak, der ordentlich Geld brachte, betrug der Verlust 70 %.

 

„Gold gab ich für Eisen“, lautete ein Spruch aus dem Befreiungskrieg 1813 gegen Napoleon. Bereits damals wurde Goldschmuck abgeliefert und stolze Patrioten trugen dafür einen Eisenring mit besagter Gravur.
Der Aufruf wurde im 1. Weltkrieg wiederholt. Die Regierung
  Gold gab ich für Eisen
ging daran, alle irgendwo aufzutreibenden Schmuck- und Gebrauchsgegenstände, welche aus edlen Materialien gefertigt waren, zu beschlagnahmen und ihre Ablieferung zu fordern. Jetzt hieß es: „Gold gab ich zur Wehr, Eisen nahm ich zur Ehr.“

 

Am 31. Januar 1916 war in Neckarweihingen Metallablieferung. Tränen flossen bei der Abgabe. Aber manches liebe Schmuckstück verschwand über die Kriegsdauer in einem sicheren Versteck. Diese Probleme hatten viele Leute nicht, weil sie arm waren. Der Krieg brachte viele Familien in Not. Für diese Menschen wurden im Februar 1917 alle entbehrlichen Nahrungsmittel abgegeben. Im Pfarrhaus war die Sammel- und Verteil-Stelle. Es musste noch öfter während des Krieges für Hungernde gesammelt werden. 1917 wurden auch in Neckarweihingen Brot-, Fleisch-, Zucker- und Käsemarken eingeführt. Das zeigt, wie knapp diese Lebensmittel selbst auf dem Land waren.

 

Am 25. Juni 1917 musste die große Glocke der evangelischen Kirche abgeliefert werden. Mit Wehmut schied man von ihr. Tausende Glocken wurden in Deutschland eingesammelt. Den Neckarweihingern blieb nur eine kleine Glocke, die viele Jahre zu Freud und Leid läutete.

 

Was tröstete die Soldaten an der Front und gab ihnen neue Hoffnung? Das waren Briefe und Päckchen aus der Heimat. Genauso sehnsuchtsvoll wurde daheim die Feldpost erwartet. 28 Milliarden portofreie Post wurde während des ersten Weltkrieges zwischen Heimat und Front transportiert. Warum schrieben die Soldaten so viele Karten und weniger Briefe? Wir kennen die bunten, lustigen Postkarten, die Fotografien mit den Kameraden am Unterstand, die Karten für das Liebchen und die Kinder. Es passten nur Grüße und gute Wünsche auf den freien Platz. Das war von oben herab so gewollt.

 

Ein Instrument der Maßregelung war die Zensur und die Postsperre. 600 mal gab es Postsperren im ersten Weltkrieg, die erste bereits im ersten Kriegsmonat. Immer, wenn eine Postsperre angesagt war, konnte man sicher sein, dass einige neue militärische Aktionen geplant waren. Während der Postsperren mussten die Soldaten ihre Briefe offen abgeben. Diese wurden vom rangnächsten Vorgesetzten gelesen, ehe sie weitergeleitet wurden. Nur Offizieren war es erlaubt, Briefe verschlossen zur Post zu geben.

 

Die Soldaten sollten durch die Heimat-Briefe moralisch gestärkt werden. Aber viele Angehörige schrieben, wie es daheim wirklich war: Hunger und Mangel überall. Die sogenannten "Jammerbriefe" der Frauen wurden zu einem riesigen Problem, da sie die Soldaten schlecht beeinflussten. Diese Briefe hatten zu Folge, dass die ohnehin schon immense Zensur noch verstärkt wurde. Das Amt versuchte mit Parolen an die "Vernunft" der Frauen zu appellieren, ihren Männern nur schöne Briefe zu schicken: "Keine Jammerbriefe mehr. Sie sind der deutschen Frauen unwürdig". Doch diese Briefe aus der Heimat ließen sich auch durch groß angelegte Kampagnen des Kriegspresseamtes nicht stoppen.


Trotz der strengen Kontrollen wussten die Soldaten die Zensur zu umgehen. Sie gaben ihre Briefe Urlaubern mit, warfen sie aus Zügen und hofften, dass der Finder den Brief abschicken möge, oder schrieben die Informationen in verschlüsselten Worten, die nur die Verwandten verstehen konnten.

 

Ganz offen schreibt ein junger Mann in seinem Brief: „Wann mag das Gewissen derer erwachen, die den Krieg immer noch weiter fortsetzen wollen und an den bisherigen Opfern ihren Nimmersatt noch nicht gestillt haben. Eigentlich sollten auch diese den Krieg allein und in den Schützengräben zu führen haben, dann hätten sie auch bald eine andere Gesinnung.“ – Wäre dieser Brief von der Zensur erwischt worden, hätte es für den Schreiber Arrest gegeben – und  was noch schlimmer für ihn wäre: Schreibverbot.

 

Am 11. November 1918 war der Krieg endlich zu Ende.

 

Die Soldaten kehrten in die Heimat zurück. Für 76 Männer aus Neckarweihingen gab es keine Wiederkehr. Sie waren gefallen – für den Kaiser? – für ihren König? – für das Vaterland? – für die Ehre? – für wessen Ehre?

 

1920 kamen die letzten zwei Soldaten aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück.

 

Zum Gedenken der Kriegsopfer wurde 1922 ein sogenanntes Ehrenmal errichtet, das in verkleinerter Form noch heute hier auf unserem Friedhof steht.

 

Die Angehörigen der Vermissten hofften weiter auf die Heimkehr oder eine Nachricht von ihrem Ehemann, Vater, Sohn, Bruder oder Freund – manche warteten ein Leben lang. Auch viele Kriegerwitwen hielten ihren gefallenen Männern die Treue. Die heutige Jugend wird es nicht verstehen, aber jene Generation hatte ein anderes Verständnis zu einem Bündnis, zu ihrem Versprechen.

 

Neben den Kriegerwitwen gehörten die Kriegswaisen zu den Opfern der unzulänglichen staatlichen Hinterbliebenenfürsorge im Deutschen Reich. Denn die Renten orientierten sich am Dienstgrad und nicht an der Zivilstellung des Gefallenen. Schließlich zwangen die knappen Witwen- und Waisenrenten die Ehefrauen gefallener Mannschaftsdienstgrade zur Aufnahme einer ganztägigen Arbeit, so dass sie ihre Kinder kaum noch betreuen und erziehen konnten. Und das allerschlimmste: uneheliche Halb- und Vollwaisen erhielten überhaupt keine Renten. Eine verarmte, vaterlose, illusionslose, verlorene Generation wuchs heran. Opfer des untergehenden Kaiserreiches – Kanonenfutter für den nächsten Krieg.

 

Mit den Versen vom Anfang möchte ich enden:

 

Sorgt ihr, die ihr im Leben steht,
dass Friede bleibe,
Friede den Menschen,
Friede den Völkern.