Exkursion nach Bönnigheim am 21. Juni 2014

Wer hätte gedacht, dass es in knapp 23 km Entfernung einen Ort gibt, der „die höchste Museumsdichte Deutschlands“ aufweist. Die Stadt heißt Bönnigheim, liegt im Norden des Landkreises Ludwigsburg, am Rande des Stromberg und des Zabergäu und hat einiges anzubieten.
Hier wurde der erste deutsche Frauenroman geschrieben, hier gibt es die weltweit größte Privatsammlung an Naiver Kunst, Art Brut und Outsider Art sowie die größte alkoholgeschichtliche Sammlung mit Deutschlands kuriosester Sammlung von Schwarzbrennereien, die Dauerausstellung „Kindesglück“ – Magische Bräuche um Liebe und Geburt, die „Arzneyküche“, die die Bedeutung des Alkohols in der Medizin, der Alchemisten und des aqua vitae präsentiert und hier lebte im 15. Jahrhundert eine Frau, die 53 Kinder geboren haben soll. Und im Jahr 2014 wurde Bönnigheim, in der es rund 30 gut erhaltene Fachwerkbauten gibt, offiziell der Titel einer Fachwerkstadt verliehen.

 

Diese Fülle an Museen in der Nähe von Neckarweihingen nahm die Arbeitsgruppe „Ortsgeschichtliches Museum“ zum Anlass, um sich dort über den Aufbau eines Museums zu informieren. Kurt Sartorius, ehrenamtlicher Leiter des Schwäbischen Schnapsmuseums und Mitbegründer der Historischen Gesellschaft Bönnigheim e.V. sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter der archäologischen Denkmalpflege Baden-Württembergs, freute sich über unsere Anfrage und bot uns sofort seine Hilfe an. Und so machten wir uns am 21. Juni 2014 auf den Weg nach Bönnigheim. Vor dem Schnapsmuseum empfing uns Herr Sartorius und los ging es mit der Stadtführung durch das schöne Städtchen und die Besichtigung der Museen. Wir waren sehr gespannt.

 

 
Kurt Sartorius

 

Im Jahr 1188 war die Ganerbenburg im Besitz von Kaiser Friedrichs I. Barbarossa. Sie gehörte zur Stadtbefestigung und war später Eigentum der Ganerben. Im Bauerkrieg wurde die Burg im Jahr 1525 zerstört und 1546 wieder aufgebaut, jedoch ein großer Teil 1679 wieder eingerissen. Im Turm läutet die  Glocke aus dem Jahr 1359, die, nachdem der Cyriakuskirche ein neues Geläut gestiftet wurde, dort aufgehängt wurde und wo sie bis auf den heutigen Tag laut und vernehmbar ihre Stimme ertönen läßt. Die Burgturmglocke von 1359 ist nicht nur die älteste Glocke Bönnigheims. sondern auch eine der ältesten des Landes.

Was bedeutet Ganerben? Weitere Informationen hier
 


Die Ruine der Ganerbenburg

 

In Bönnigheim ging 1288 das Lehen an Rudolf von Habsburg über, der die Stadt 1291 seinem Sohn Albrecht von Löwenstein-Schenkenberg überließ. Durch Erbschaft, Heirat und Kauf kam es zu einer Zersplitterung des Besitzes, aus dem das Ganerbentum hervorging, das bis 1750 Bestand hatte. Während dieser Zeit wurde der Besitz der immer noch unter Mainzer Hochherrschaft stehenden Stadt auf vier Adelsgeschlechter (Herren von Sachsenheim, Herren von Liebenstein, Herren von Gemmingen und Herren von Neipperg) aufgeteilt. Jedem Ganerben stand ein Viertel der Stadt zu. (Quelle Wikipedia)

 

Die vier Wappen der GanerbenDie vier Wappen der Ganerben

 

Von der mittelalterlichen Stadtmauer, die insgesamt  eine Länge von rund 1150 Meter hatte und bis zu 9,10 Meter hoch und bis zu 1,60 Meter stark war, bestehen heute noch Reste. Man sagt, dass für die Mauer  so viele Steine benötigt wurden, wie für alle Häuser der Altstadt zusammen.

 

Erhaltene Stadtmauer
Erhaltene Stadtmauer

 

Der Kölleturm ist das Wahrzeichen von Bönnigheim und wurde mit der Stadtmauer um 1286 erbaut.

 

Kölleturen, Wahrzeichen von Bönnigheim
Der Kölleturen, Wahrzeichen von Bönnigheim

 

Cyriakus-Kirche  

Die Cyriakus-Kirche ist eine Schatztruhe der Spätgotik und wurde um 1100 erstmals erwähnt. Der älteste erhaltene Bauteil des Gebäudes ist der Turm von 1280. Der als dreischiffige Basilika gestaltete Hauptbau wurde 1351/59 errichtet. Der Chor mit seinen mächtigen Stützmauern ist um 1400 entstanden. Aus dieser Zeit stammen auch der Lettner (1440) und der Hochaltar (1490). Beide sind  für die Kirchen Württembergs einmalig. Um 1525 wurde, mit Duldung des Erzbischofs von Mainz, die Kirche evangelisch.

 

Hochaltar
Hochaltar aus dem Jahr 1490

 

Blick durch den Lettner auf den Hochaltar
Blick durch den Lettner auf den Hochalter

 

Blick auf den Lettner
Blick auf den Lettner.
Neben Esslingen und Tübingen ist der Bönnigheimer Lettner der letzte in Württemberg.

Die Predella (Bild unten) zeigt in fünf Rundnischen eine sehr lebendige und lebensfrohe Darstellung des heiligen Abendmahls. Auf dem gedeckten Tisch sind verschiedene Brote und Weingläser zu erkennen. Es wird aber auch Fleisch gegessen, und der zweite Jünger von links trinkt aus einer doppelkonischen Flasche Aqua Vitae und ist der älteste dargestellte Trinker (Bild rechts).

 

Pedrella

 

  Der älteste dargestellte Trinker
Die Schmotzerin  

Auf dem spätgotischen Gemälde, das zwischen 1500 und 1525 entstand, ist unten die „Schmotzerin“ mit ihrem Gatten und ihren insgesamt 53 Kindern dargestellt. Links kniet der Vater mit seinen 38 Söhnen, rechts die Mutter mit ihren 15 Töchtern.
Barbara Stratzmann lebte von 1448 bis 1503 in Bönnigheim und bekam 18 Einlinge, fünfmal Zwillinge, viermal Drillinge und jeweils einmal Sechs- und Siebenlinge. Das älteste Kind wurde sieben Jahre alt. Das Paar starb kinderlos.
Weitere Informationen zur Schmotzerin hier

 

Das erste Museum auf unserem Stadtrundgang war die „Arzney-Küche“, das Labor der früheren Apotheke. Das Apothekerlaborhäuschen ist das Einzige aus dem Mittelalter in Baden-Württemberg, in dem die Geschichte der Apotheken vom Mittelalter bis heute zu besichtigen ist. Entdeckt wurde das Labor 1987. Bei einer Besichtigung fiel im Erdgeschoss ein massiver, sandsteingemauerter Raum mit einem Kreuzgewölbe auf, dessen Scheitelpunkt in einen Kamin überging - das Apothekenlabor.

 

  Museum Arzney-Küche

Seit 2002 ist darin das Museum „Arzney-Küche“ untergebracht, in dem die Verwendung des Alkohols in der Pharmazie dargestellt wird. Im überwölbten, feuerfesten Laborraum (Bild rechts) veranschaulicht eine "Bitter-Destillationsanlage" die Technik um 1900.
Im Dachstock (Bilder unten) ist die Geschichte der Bönnigheimer Apotheken aufgearbeitet. Ebenfalls wird die Lagerung und Verarbeitung von Heilkräutern gezeigt sowie die Entwicklung der Destillationstechnik.

 

  Apothekenlabor
   

 

Stadion'sche Schlpss  

Nächstes Ziel war das Schloss Bönnigheim
Das Schloss wurde 1756 für Friedrich Graf Stadion errichtet, deshalb auch Stadion'sche Schloss. Im Gebäude waren u.a. von 1828 bis 1888 das Forstamt, später die königliche Taubstummenanstalt und das „Schiller-College“ für amerikanische Studenten untergebracht. Hier verfasste 1771 die „Schwiegertochter“ von Graf Stadion,  Sophie La Roche, den ersten Roman, der in Deutschland von einer Frau veröffentlicht und ein Bestseller wurde.

Seit 1996 befindet sich im Schloss das Museum Charlotte Zander für Naive Kunst , Art Brut und Outsider Art. Die Privatsammlung ist die weltweit größte dieser Art und umfasst ein Volumen von über 4400 Arbeiten von ca. 440 internationalen Künstlern. Charlotte Zander starb am 12. März 2014 im Alter von 83 Jahren in ihrem Haus in München.


Gegenüber vom Bönningheimer Schloss liegt das Museum „Sophie La Roche“, das im ehemaligen Forstgefängnis untergebracht ist.
Im Erdgeschoß ist die erste Vinothek der Region Stuttgart untergebracht.

 

Museum Sophie La Roche

 

Vionthek im Erdgeschoss

 

Sophie wurde am 6.12.1730 in Kaufbeuren geboren, wuchs in Augsburg auf, war mit dem italienischen Arzt Bianconi, dann mit ihrem Vetter Christoph Martin Wieland verlobt, bevor sie 1753 Georg Michael La Roche heiratete. Sie starb am 18.2.1807 in Offenbach.
Sophie la Roche schrieb 1770/1771 den ersten Frauenroman der Literaturgeschichte  „Das Fräulein von Sternheim“. Er wurde nicht unter dem Namen La Roche veröffentlicht, sondern anonym unter dem Dichter und Herausgeber

  Arbeitszimmer Sophie La Roche

Wieland. Zur damaligen Zeit wäre es undenkbar gewesen, eine Frau als Autorin zu nennen.

 

Im griechischen Restaurant  

Vor der vierten und letzten  Museumsbesichtigung kehrten wir in einem griechischen Restaurant ein.  Dabei konnten wir Herrn Sartorius, der uns mit großer Begeisterung durch den mittelalterlichen Ort und durch die drei Museen führte viele Fragen stellen, die er uns sehr ausführlich beantwortete und uns viele Tipps für unser Projekt „Ortsgeschichtliches Museum“ gab, die wir so rasch wie möglich umsetzen wollen.

 

Frisch gestärkt ging es an den Ausgangspunkt  unserer Besichtigungstour zurück - zum Schnapsmuseum, das die Entwicklung der Destillationstechnik von den Anfängen bis heute zeigt.  

Das Museum befindet sich in Bönnigheims ältestem Gebäude, das im Jahr 1295 erbaut wurde. Gegründet im Jahr 1993 von der Historischen Gesellschaft Bönnigheim e.V. ist es inzwischen durch seine Einzigartigkeit weit über die Region bekannt.

 

Auf dem Weg zum Schnapsmuseum  

Vor dem Eingang des Schapsmuseums

 

Destilieranlage

]

Verschlussbrennerei aus Neckarweihingen

 

  Auch eine Destillationsanlage aus Neckarweihingen befindet sich im Schnapsmuseum von der Brennerei Mayer LB-Neckarweihingen Verschlussbrennerei. Bei der dampfbetriebenen Brennblase mit hohem Helm wird die Verstärkerkolonne und der Kühler platzsparend neben einander montiert (Bild links)

Ausstellung der verschiedensten Arten der Schnapsbrennereien

 

 

Ein großer Anziehungspunkt ist die Schwarzbrennerei. Welche Kreativität und welchen Einfallsreichtum die Schwarzbrenner hatten, wird hier durch die vom Zoll beschlagnahmten Anlagen präsentiert, die dem Museum übergeben wurden: Gefängnisinsassen benutzten Plastikkanister mit Tauchsiedern als Destillierspirale, die Hausfrau verwendete ihren Schnellkochtopf und sonstige Gegenstände des täglichen Lebens u.v.m.. Ein Ort des Schmunzelns.

Ladentheke am Eingang  

Vom Verein zusammengetragene Fundstücke, die gleich am Eingang ausgestellt sind.

 

Und wer sich für magische Bräuche um Liebe und Geburt interessiert, der sollte die im Juli 2014 eröffnete Ausstellung „Kindesglück“ besuchen. In diesem europaweit einmaligen Museumsprojekt werden Erkenntnisse aus fast dreißig Jahren Forschung zum Themenkomplex „Nachgeburtsbestattung im südwestdeutschen Raum“ präsentiert und zieht dabei Parallelen zu dem weltweit auftauchenden Phänomen.

 

Ausstellungsstücke über den Aberglauben

 

Herr Sartorius berichtete wie alles begann. Bei Bauarbeiten im Jahr 1984 wurden in einem Keller Töpfe gefunden und mit dem Brauch der Nachgeburtsbestattung in Verbindung gebracht. Vergleichbare Funde waren bis dato in Deutschland unbekannt.  Es folgten weitere 33 Funde mit über 300 Töpfen in Bönnigheimer Kellern.

 

Ethnologische Vergleiche bestärkten diese Hypothese ebenfalls. 5300 Jahre alte Dokumente bezeugen den besonderen Umgang mit der Nachgeburt im alten Ägypten. Belege aus dem Jahr 200 v. Chr. sind aus China bekannt, spätere Quellen im jüdischen Talmud. Der jüngste Beleg für Nachgeburtsbestattung aus Deutschland von 1963 stammt aus dem Schwarzwald.

 

Diesen Vorstellungen in allen Kulturen ist gemein, dass in der Plazenta ein geistiges Wesen wohnt, das mit dem Kind in Verbindung steht. Wird die Nachgeburt schlecht behandelt, rächt es sich am Kind, dieses erkrankt und stirbt.

 

Erst entdeckte NachgeburtstöpfeErste entdeckte Nachgeburtstöpfe   Nachgeburtstöpfe aus aller Welt  

Auf der ganzen Welt wurden und werden Töpfe und andere Gefäße zum Vergraben der Nachgeburt verwendet. Diese Exponate stammen aus Miamar früher Birma (links oben),  Kamerun (rechts oben),  Neuseeland (links unten), Russland - Stamm der Mafa Schuh und Schachtel aus Birkenrine (rechts unten)

 

Hier wohnt der Hausgeist
In vielen Häusern gab es abgelegene Räume mit Ansammlungen von alten Dingen, die aufgehoben werden, die zu schade zum Wegwerfen sind. An solchen Orten wurden die Hausgeister vermutet.
  Hier wwohnt der Hausgeist

 

Der Historische Verein sucht sich immer wieder besondere Themen für eine Sonderausstellung im Steinhaus aus. So gibt es jetzt die Ausstellung „Wasser  marsch – 150 Jahre Feuerwehr“. Hier wird die Geschichte des Feuerlöschwesens von den Anfängen im Mittelalter bis zur heutigen modernen Freiwilligen Feuerwehr gezeigt. Von der Alarmierung und Löschwasserversorgung über die Fahrzeuge bis zum modernen Atemschutz.

Plakat 150 Jahre Feuerwehr Bönnigheim                         Die Feuerwehr damals

 

Bisherige Sonderausstellung
- Giftmorde im Steinhaus – Rezepte der Agatha Christie
- Nur Küsschen schmecken besser – Alkoholwerbung
- Alles elektrisch – hundert Jahre Strom
- weggschmissa wird nex flicken-reparieren-umnutzen
- Helf was helfa mag - Amulette und Talismane Sammlung Köstlin

 

Nach der Besichtigung stiegen wir hinab in den  Gewölbekeller des "Schwäbischen-Schnapsmuseums". Zuerst gab es Kaffee und Kuchen um dann zu der Verköstigung von Schnaps und Likören überzugehen. Herr Sartorius strapazierte unsere Lachmuskeln durch ein fast unerschöpfliches Repertoire an Trinksprüchen und Witzen.

 

  Im Gewölbekeller bei der Schnaps- und Likörprobe

Frohgestimmt und voll mit  Informationen  fuhr uns Silvia gemütlich in ihrem Bus nach Hause.
Ein sehr gelungener Tag in Bönnigheim! Ein nochmaliger Besuch lohnt sich.

 

 

 

Noch en paar Impressionen aus Bönnigheim

 

Ratsstüble   Das schiefe Haus   Fachwerkhaus
Ratsstüble am Marktplatz  

Das schiefe Haus

 

Der Verwaltungssitz des Meiereihofes von 1463 ist ein besonderer Fachwerkschatz. Er vereint zwei Fachwerkarten an einem Gebäude: Oben das alemannische und unten das fränkische Fachwerk.

 

Ganerbenbrunnen am Marktplatz   Georgsbrunnen   Hasenropferbrunnen im Löchgau

Der Ganerbenbrunnen zeigt die
Wappen der vier Ganerben im
Schnittpunkt der Viertel auf
dem Marktplatz.

 

Der Georgsbrunnen mit der Figur
des
gegen einen Drachen
kämpfenden heiligen Georg wurde
1549 errichtet.

 

Auf der Heimfahrt fiel uns der
Hasenropferbrunnen im Löchgau auf.